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Die Wiederherstellung des Burschenschaftsdenkmals in Eisenach

"Wie im Traum ich ihn trug"
Die Wiederherstellung des Burschenschaftsdenkmals


In den vergangenen Jahren restaurierte die Deutsche Burschenschaft das Ensemble von Burschenschaftsdenkmal und Burschenhaus in Eisenach mit einem Aufwand von mehreren Millionen Mark. Pünktlich zur 100-Jahr-Feier des Denkmals am 22. Mai 2002 konnte es im alten Glanz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Doch der Glanz des 36 Meter hohen Turms ist - zunächst - nur äußerlich. Der Architekt Wilhelm Kreis plante Terrasse und Denkmal als einen Gesamtentwurf. Er steckt voller, für das 19. Jahrhundert typischer nationaler Symbolik, über die die eigens herausgegebene Festschrift (100 Jahre Burschenschaftsdenkmal. Festschrift, broschiert, 48 Seiten, 43 Bilder, Euro 4,--, zu beziehen über den Denkmalerhaltungsverein Eisenach e. V., Vorsitzender Dr. Horst Zimmermann, Im Rosselfeld 11, 66333 Völklingen) und das Heft 2/2002 der "Burschenschaftlichen Blätter" Auskunft geben.

Die das Denkmal umgebende Pfeilerarkade, die Form des Rundtempels und das Bildprogramm mit den in Stein gemeißelten Adlern und den Köpfen großer Deutscher bilden eine Einheit, errichtet zu Ehren der in den Einigungskriegen gefallenen Burschenschafter. Diese Einheit setzte sich einst im Innern des Denkmals fort, das nach den Zerstörungen zu DDR-Zeiten heute seltsam kahl wirkt. Doch das soll nicht so bleiben. Geplant ist vom Denkmalerhaltungsverein, dem jedermann angehören kann, zunächst die Wiederherstellung des Deckengemäldes des Dresdner Malers Otto Gussmann. Einst geschmückt mit Namenstafeln und den Standbildern Kaiser Wilhelm I. und seiner Paladine Bismarck, Roon und Moltke sowie Großherzog Carl Augusts von Sachsen-Weimar-Eisenach, war der Innenraum als Toten- und Ruhmeshalle gedacht. Über allem wölbte sich in der Kuppel, eingefaßt von Adlerpaaren auf goldenem Ornament, im Jugendstil ein germanischer Urmythos: Ragnarök, die Götterdämmerung, der Kampf des germanischen Göttergeschlechts der Asen gegen die Mächte der Finsternis, der endgültige Kampf zwischen Gut und Böse, der mit dem Weltuntergang endet. Im Bewußtsein der Zeit fest verankert war dieser Mythos von Treubruch und Verrat, Weltbrand, Mord, Totschlag, moralischer Entrüstung über Schlechtigkeit und Habsucht, die Geschichte des Weltendes und der "Wolfszeit". Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde er oft mit der Gegenwart gleichgesetzt, Richard Wagners gleichnamige Oper war jedem Gebildeten gegenwärtig. Und gegenwärtig war ihnen, daß dem Untergang die Reinigung und der Sieg des Lichts folgen, denn nur drei Götter kehren aus Hel - der Unterwelt - zurück: der schuldlose Hönir, der die Seele gibt und damit die Fähigkeit zu denken, zu reden und zu handeln, Balder, der Gott des Lichts, des Sommers und des Friedens, der Urheber alles Guten, und sein blinder Bruder Hod, der das Dunkle verkörpert, aber nicht das Böse, denn zum Mörder Balders wurde er nur durch die List Lokis, des Bösen.

Das Kuppelbild war Gegenwarts- und Zukunftsprogramm breiter Kreise der studentischen Jugend um 1900. Die Burschenschafter begriffen sich selbst als schöpferisch, kreativ und innovativ in einer in nervöser Modernität und Unkultur verfallenden Gegenwart, die von der dissonanten Stimmung des "fin de siècle" beherrscht wurde und deren materialistische Verflachung nur durch eine idealistische Erneuerung überwunden werden konnte. Die Gegenwart war ihnen düster, oft verachtet, und in einer imaginären Zukunft hofften sie eine idealisierte Vergangenheit wiederzufinden. Die Schuld an diesen "nationalidealistischen Abstumpfungserscheinungen", wie der Paderborner Historiker Dietmar Klenke sie nannte, sah man in den wirtschaftlichen Umwälzungen, den sozialen Sicherheits- und Kormfortbedürfnissen, die den deutschen Grundkonsens, die "Ehrfurcht vor dem Vaterland", zu Grunde richteten.

Aufgabe des Studenten war es, die akademischen Kreise aufzurütteln, angesichts außenpolitischer Demütigungen und militärischer Einkreisungsgefahr nationale Gemeinschaftsverantwortung zu zeigen und sich darüber als geistige Elite der Nation zu bewähren. Wagnis und Opfer, der Wille zum Ursprünglichen und Elementaren, war bei ihnen tief verwurzelt. Daraus erwuchs ein zusammenhängender Dreiklang von antikapitalistischem Idealismus, der Bereitschaft zur Bekämpfung des bürgerlichen Individualismus und der Bereitschaft zur Verteidigung des Vaterlands. Zugleich war der Kampf die Entschlackung, die Reinigung und Läuterung nicht nur des abgestumpften Bürgertums, sondern der ganzen Nation von innerem Hader und äußeren Schwierigkeiten, der große Einiger auf der elementaren Grundlage des zuerst von Friedrich Ludwig Jahn beschworenen und von der Urburschenschaft überaus hoch geschätzten "deutschen Volksthums".

Sich selbst sahen die Studenten als die drei Götter der Zukunft, ihre Gestalter und Wahrer, während alle anderen dem Untergang geweiht waren. Nicht umsonst begrüßte ein junger Burschenschafter die Einweihung des Denkmals mit einem Wagner-Zitat - Wotans Gruß an die neu erbaute Götterburg aus dem "Rheingold" -, das er nicht kennzeichnete, weil er es als bekannt voraussetzen konnte:

Wie im Traum ich ihn trug,
wie mein Wille ihn wies,
stark und schön steht er zur Schau:
hehrer, herrlicher Bau.


Quelle:
Harald Lönnecker, Burschenschaft Normannia-Leipzig zu Marburg,
in: Studenten - Kurier, Zeitschrift für Studentengeschichte, Hochschule und Korporationen,
17. Jahrgang, NF, 4/2002, S. 14-15